Kirchtürme St Salvator — Reichsabtei Prüm

Prüm, eine Reichsabtei — Macht und Pracht eines Klosters

Mit­tel­al­ter­li­che Kar­ten zei­gen oft ein ganz unge­wohn­tes Bild von Euro­pa. Das Alter hat ihr Per­ga­ment ver­gilbt. Ihre Auf­schrif­ten sind dar­um meist unle­ser­lich. Die Gren­zen der Län­de­rei­en auf ihnen sind ver­scho­ben. Vie­le Land­stri­che tra­gen sogar Namen, die längst ver­ges­sen sind. Und bis in die kel­ti­schen Regio­nen der Bre­ta­gne fin­den sich in ganz Euro­pa selt­sa­me klei­ne Land­schafts­fle­cken, die gar nicht recht zu pas­sen schei­nen. Denn sie tra­gen den Namen Prüm. Heu­te ist es bloß noch ein klei­nes Städt­chen in der West­ei­fel mit einer über­trie­ben-wuch­ti­gen Kir­che: damals aber war Prüm das präch­ti­ge Zen­trum der Macht der Für­stäb­te. Die Reichs­ab­tei dort war mein Ziel. Und sie atmet auch noch 223 Jah­re nach ihrer gewalt­sa­men Auf­lö­sung den Geist ver­gan­ge­ner Zei­ten.

Statue des 7. Prümer Abtes Regino — Reichsabtei Prüm

Auf dem Weg nach Prüm

Die Stra­ße nach Prüm führ­te durch bewal­de­te Hügel. Ser­pen­ti­nen fuhr mein klei­ner Wagen und als ich nach einer schar­fen Kur­ve die Augen vom Stra­ßen­ver­lauf erhob, erblick­te ich das weiß­ge­tünch­te Abtei­ge­bäu­de, das stolz mit­ten in der Tal­s­en­ke stand. Den Wagen abge­stellt, begrüß­te uns eine Stein­sta­tue des sieb­ten Abtes von Prüm, Regi­no. Er schien gera­de an sei­nem berühm­ten Chro­ni­con zu arbei­ten. Beglei­tet wur­de ich von einem Mit­bru­der und einer lie­ben Freun­din von uns bei­den — neben­bei bemerkt: über die zwei kam ich zum Fuchs­na­men. Wir lie­fen also ein­mal um das heu­te als Gym­na­si­um genutz­te Gebäu­de her­um. Und auf den ers­ten Blick schon fiel uns der Schmuck an ihm ins Auge. Er kün­det von der Bedeu­tung und dem Reich­tum, die das klei­ne Eifel­städt­chen ein­mal hat­te.

Rokoko Schmuck am Abteigebäude — Reichsabtei Prüm

Ausgrabung der Abtsburg vor St. Salvator — Reichsabtei Prüm

Ausgrabung auf dem Kirchenvorplatz

Es muss ein ganz ande­res Lebens­ge­fühl gewe­sen sein, als Archi­tek­tur noch mehr woll­te als bloß Funk­tio­nen zu erfül­len. Heu­te ist das fast ver­we­gen zu den­ken, aber Gebäu­de waren ein­mal aus sich her­aus schön. Auch ohne bemüh­te Erklä­rung eines vom eige­nen Werk begeis­ter­ten Archi­tek­ten erkann­te jeder Laie das. Teil­wei­se waren die Gebäu­de sogar ver­spielt und drück­ten die freu­di­ge Lust am Leben aus. Der Gedan­ke kam mir, als ich vor der alten Abtei- und heu­ti­gen Pfar­rei­kir­che St. Sal­va­tor stand. Im Moment wird dort die alte Abts­burg aus­ge­gra­ben. Unter dem Schutt etwa eines Meters unter dem Markt­platz von Prüm fand man die alten Fun­da­men­te, die zei­gen, dass die Abtei mit ihren gro­ßen Besitz­tü­mern ein auch mit Waf­fen­ge­walt umkämpf­ter Ort war. Das führ­te zu der Kurio­si­tät, dass nach dem 12. Jahr­hun­dert jeder neue Novi­ze sein eige­nes Schwert mit Pan­zer ins Klos­ter mit­brin­gen muss­te. Ich hin­ge­gen war nur mit mei­ner Kame­ra und erwar­tungs­vol­ler Span­nung bewaff­net.

Portal von St. Salvator — Reichsabtei Prüm

Die Abteikirche von Prüm

Als ich das Kir­chen­schiff betrat, bestürm­ten mich alle mög­li­chen Ein­drü­cke. Da war zu mei­ner rech­ten, der klei­ne Info-Devo­tio­na­li­en-Kir­chen­füh­re­rin­nen-Stand, der spä­ter noch von Bedeu­tung sein wür­de. Zur Lin­ken hin­ter einer hohen Glas­tür die Anbe­tungs­ka­pel­le, deren gül­de­nen Reli­qui­en­schrein ich erst spä­ter wahr­nahm. Schließ­lich erstreck­ten sich vor mir Bän­ke, das höl­zer­ne Chor­ge­stühl so selt­sam leer und end­lich begrenz­te ein rie­si­ger Hoch­al­tar den Chor­raum. Es sind die­se Momen­te, in denen ich – die Fin­ger der rech­ten Hand bereits im Weih­was­ser­be­cken – unwill­kür­lich über­le­ge, zu wel­cher Bank ich gleich gehen wer­de. Mein ers­ter Zugang zu einem Kirch­raum ist das Gebet in der Stil­le. Den Platz erko­ren lief ich etwa in die Mit­te des Kir­chen­schiffs. Knie­beu­ge und dann Knie­bank.

Kanzel mit Hochaltar im Hintergrund — Reichsabtei Prüm

Eine Kirche ohne Mönche

Da saß ich nun nach dem Beten und blick­te umher. Der Mari­en­al­tar zu mei­ner lin­ken war mir bis­her ent­gan­gen, gegen­über ein wei­te­rer. Das Chor­ge­stühl aller­dings fing mei­nen Blick und ließ ihn nicht mehr los. Dort hat­ten die Mön­che von Prüm gestan­den und ihre Stun­den­ge­be­te gesun­gen. Damals not­wen­di­ger Gebrauchs­ge­gen­stand, heu­te musea­le Erin­ne­rung. Auch jetzt, da ich dies nie­der­schrei­be, füh­le ich mich so leer wie die Stal­len des Gestühls. Fast erwar­te­te ich, dass das Holz­por­tal zur Klau­sur auf­ging und der Chor der Mön­che gemes­se­nen Schrit­tes und, wie die Regel des hei­li­gen Mönchs­va­ters Bene­dikt es ver­langt, gesenk­ten Bli­ckes zur Non schritt. Es war etwa 15 Uhr, die Ster­be­stun­de des Herrn, als ich auf­stand und die Dame gewahr wur­de, die mit einem Mal neben mir stand.

Chorgestühl in Prüm

Die Kirchenführerin von Prüm

Sie trug eine Bril­le mit brei­tem Plas­tik­ge­stell. Auf ihm war bunt das Stadt­wap­pen neben dem auf­fäl­lig-lokal­pa­trio­ti­schem Auf­druck „Prüm“ gedruckt. Sie schien ganz begeis­tert über den Besuch, den wir ihrer Kir­che abstat­te­ten. Es war eine der Damen, die so gewin­nend strah­len kön­nen, dass ihnen schließ­lich gan­ze Kir­chen gehö­ren. Ich lächel­te sie an, als sie sich ent­schul­dig­te, dass wir einen Tag zu früh hier sei­en; Die San­da­len Chris­ti wür­den ja erst mor­gen aus­ge­stellt, aber wir soll­ten doch bit­te auch nach vor­ne in den Chor­raum tre­ten; Und über­haupt ger­ne auch pho­to­gra­phie­ren, es gäbe viel zu sehen; Das könn­te ich ihr ruhig glau­ben, denn sie müs­se es wis­sen; Immer­hin habe sie schon Ange­la Mer­kel durch die Kir­che geführt. Ich lächel­te und war etwas über­fah­ren von ihrer herz­lich-ver­bind­li­chen Art. Tap­fer lief sie nach vor­ne und erwar­te­te, dass ich ihr folg­te. Dort kom­pli­men­tier­te sie mich hin­ter die Chor­schran­ke und ließ mich stau­nend im Chor­raum zurück.

Hochaltar Prüm

Das Altarensemble

So stand ich direkt vor dem Hoch­al­tar und blick­te wie die Figu­ren zwei­er beson­de­rer Hei­li­ger stau­nend auf das Altar­bild. Das zeig­te, wie die Engel eine Kro­ne auf das Haupt der Jung­frau her­ab­sin­ken las­sen. Zu Rech­ten der Jung­frau stand die Figur des hei­li­gen Bene­dikt, der die Vor­aus­set­zun­gen des bene­dik­ti­ni­schen Lebens über­haupt schuf. Und zur lin­ken auf der Sei­te des Her­zens der Got­tes­mut­ter blick­te die Hei­li­ge Bertra­da auf zu dem hei­li­gen Gesche­hen. Sie stif­te­te das Klos­ter und ermög­lich­te das Leben der Mön­che in Prüm. Sie steht dort sicher nicht zufäl­lig: Dem Her­zen der Got­tes­mut­ter am nächs­ten, dort wo einst Johan­nes an der Brust des Herrn lag. So groß war die Ver­eh­rung und die Dank­bar­keit der Mön­che für die­se hei­li­ge Frau, dass man sie zur Zeit des Altarbaus auf den Ehren­platz stell­te. In gewis­ser Wei­se ver­voll­komm­net wäh­rend des Got­tes­diens­tes der ele­vie­ren­de Pries­ter hier das Alta­r­ensem­ble und wird zu einer drit­ten auf­bli­cken­den Figur.

Kaisergrab Lothar Prüm

Das Kaisergrab Lothars I.

Auf der Epis­tel­sei­te par­al­lel des Schreins, der die San­da­len Chris­ti in einem Pracht­schuh ent­hält, liegt heu­te Kai­ser Lothar I. begra­ben. Er ver­starb am 29. Sep­tem­ber 855 als Kon­ven­tua­le von Prüm. Das berühm­te Prü­mer Evan­ge­li­ar hat er dem Klos­ter geschenkt. Zwar ist das Hoch­grab erst 1874 unter dem deut­schen Kai­ser Wil­helm I. erneu­ert wor­den, den­noch ist die Grab­le­ge ein beein­dru­cken­der Beleg für die enge Ver­bin­dung der Mön­che der Abtei mit dem höchs­ten Adels­ge­schlecht des alten römi­schen Kai­ser­rei­ches deut­scher Nati­on. Der Hohen­zol­ler Wil­helm I. ver­lieh durch die Sor­ge für das Kai­ser­grab sei­ner eige­nen Herr­schaft den Anschein der Kon­ti­nui­tät zur fast legen­dä­ren Herr­schaft der Karo­lin­ger. Und doch ent­stand die­ses Hoch­grab erst, als die Abtei von ihren Mön­chen lan­ge ver­las­sen war. Lothar I., der nur weni­ge Tage das Kleid des Mönch­tums trug, ist heu­te viel­leicht nicht der letz­te, gewiss aber der auf­fäl­ligs­te Wäch­ter sei­ner Mit­brü­der im Chor­raum von Prüm.

Chorgestühl von Prüm

Hochaltar in Prüm

Der Volksaltar

Es ist eine selt­sa­me Ent­wick­lung in der römi­schen Kir­che, dass sie seit der Mit­te des 20. Jahr­hun­derts ihren voll­stän­dig intak­ten und immer zur Nut­zung berei­ten Besitz nicht mehr benutzt und statt­des­sen für viel Geld zusätz­li­che, neue Möbel kauft. So geschah es über­all mit den Altä­ren. Die Hoch­al­tä­re sind heu­te oft nur noch als über­gro­ße Sakra­ments­schränk­chen im Gebrauch. Ich emp­fin­de dies als eine merk­wür­di­ge Ver­keh­rung. Auch in Prüm sieht man einen klei­nen dun­kel­brau­nen Holz­tritt mit­tig vor der Men­sa des Hoch­al­tars ste­hen. Er macht es unmög­lich an ihm zu zele­brie­ren, aber er steht jeder­zeit bereit, damit der Altar von einem mit­tel­gro­ßen Men­schen erklom­men wer­den kann, um aus ihm den hei­li­gen Leib des Erlö­sers zur Fei­er der Eucha­ris­tie zu ent­neh­men.

Kommunionbank der St. Salvator Kirche in Prüm

Ein Kirchraum ohne Liturgie

Auf dem Weg zurück zur kunst­voll gear­bei­te­ten höl­zer­nen Kom­mu­ni­on­bank, die mir beson­ders ins Auge fiel, weil mein Groß­va­ter Holz­bild­hau­er war, wur­de mir bewusst, dass es ein selt­sa­mes Unter­fan­gen ist, einen Kirch­raum kalt zu erle­ben. Kalt nen­ne ich den Zustand, wenn dort nicht die hei­li­ge Lit­ur­gie gefei­ert wird. Die Abtei­kir­che von Prüm ist seit lan­gem nicht mehr rich­tig heiß gelau­fen. Das soll bei­lei­be nicht bedeu­ten, dass die Pfar­rei nicht fähig wäre, wür­di­ge Got­tes­diens­te zu fei­ern. Nein, mein Ein­druck der Kir­che war, dass sie seit lan­ger Zeit däm­mert. Denn jeder Kirch­raum for­dert durch sei­ne archi­tek­to­ni­sche eine bestimm­te lit­ur­gi­sche Gestal­tung. Das ist ein Grund­satz, der seit ältes­ter Zeit alle Lit­ur­gie prägt. Die­se Kir­che braucht den Mönch­schor. Und fast hat­te ich das Gefühl, ihre Mau­ern trau­er­ten und erträum­ten sich den sehn­suchts­vol­len Ruf der Män­ner:

Deus in adi­u­to­ri­um meum inten­de.
R. Domi­ne ad adi­uvan­dum me fes­ti­na.

Viel­leicht rie­fen die Mau­ern dies selbst stumm zum Herrn.

Mönchsvater Benedikt Prüm

Vortragekreuz am Volksaltar in Prüm

Die Kirchenführung

Als ich an der Kom­mu­ni­on­bank stand, trat wie­der die Dame mit der auf­fäl­li­gen Bril­le an mei­ne Sei­te. Anschei­nend hat­te ich jetzt genug gese­hen und soll­te nun auch noch die wich­ti­gen „POI — Points of inte­rest“ ent­de­cken. Nun war ich gespannt und wur­de in pro­fes­sio­nel­ler Manier und mich auf­rich­tig beein­dru­cken­der Detail­ver­liebt­heit durch die rest­li­che Kir­che geführt. Sie erzähl­te mir, dass sie für die Ret­tung der Kom­mu­ni­on­bank ein­ge­tre­ten sei, die anschei­nend ent­fernt wer­de soll­te. Und trau­rig war sie, weil der letz­te Pries­ter der Pfar­rei wegen des Wider­stands gegen sei­ne Suche nach einer Lit­ur­gie, die dem Ort gerecht wer­den will, sei­ne Stel­le kraft­los auf­ge­ben muss­te.

Marienaltar Prüm

Prüm Statue Bertrada

Ob ich sie rich­tig ver­stan­den hät­te, ver­ge­wis­ser­te ich mich. Ja, der Pries­ter woll­te wie­der latei­ni­sche Mes­se hier fei­ern und man hat ihn und sei­ne Ener­gie zer­setzt. Ich beließ es dabei, weil ich nicht in die­ser Wun­de boh­ren woll­te. Jeder mag sich sei­nen Teil den­ken. Sie zeig­te mir jeden­falls noch eini­ge Schät­ze der Kir­che und ich bin ihr heu­te noch dank­bar für die vie­len klei­nen Win­ke, die mir ohne ihr lie­be­vol­les Enga­ge­ment gar nicht auf­ge­fal­len wäre. Zu wel­cher Ordens­ge­mein­schaft wir denn gehör­ten, frag­te sie mei­nen Mit­bru­der, als ich in die Gebets­ka­pel­le ging, die als Ort der Stil­le noch­mal durch Türen von der Kir­che abge­trennt ist.

Statuen der drei Ärzte in Prüm

Gewölbe in der Ärztekapelle Prüm

Die Ärztekapelle von Prüm

Es sind die­se klei­nen Moment der plötz­li­chen Stil­le, die mir immer ganz beson­ders in Erin­ne­rung blei­ben. Als die Glas­tü­ren zur Ärz­te­ka­pel­le von Prüm hin­ter mir zuschwan­gen, war es still und ich stand mit einem Mal allein bei Gott. Vor mir ein höl­zer­ner Hoch­al­tar, der sicher ein­mal der Haupt­al­tar von Prüm gewe­sen ist, und unter der von ihm abge­rück­ten Men­sa war ein gol­de­ner Schrein zu sehen, der die Reli­qui­en der drei Ärz­te ent­hielt, die hier neben den San­da­len Chris­ti beson­ders ver­ehrt wer­den.

Reliquiengrab der drei Ärzte Prüm

Beson­ders gefiel mir, dass hier an der Stel­le der Gebets­ka­pel­le in alter Zeit der Kir­chen­bau das Bap­tis­te­ri­um vor­sah. So nann­te man die Tauf­ka­pel­le, in der die Men­schen in den Leib Chris­ti ein­ge­tauft wur­den. Ob dies jemals für den Grund­riss von St. Sal­va­tor in Prüm galt, weiß ich nicht. Aber mir gefiel die Ruhe die­ses Ortes, die tat­säch­lich zum Gebet ein­lud, weil sie die Inti­mi­tät ermög­lich­te, die das per­sön­li­che Beten so drin­gend benö­tigt. Und der Ort des Gebets und der Besin­nung am Ort der Tau­fe erscheint mir bis heu­te als eine glück­li­che Kor­re­spon­denz.

Hochaltar Ärztekapelle in Prüm

Der Abschied aus St. Salvator

Ich hör­te die Kir­chen­füh­re­rin einen Spruch von Abt Cae­sa­ri­us von Prüm zitie­ren, als ich aus der Gebets­ka­pel­le her­aus­trat. Sie strahl­te mei­nen Mit­bru­der an, der sich eine Ker­ze gekauft hat­te, und drück­te mir ein Heft in die Hän­de, das sie mir schen­ken woll­te. Die­sen klei­nen Kir­chen­füh­rer hat sie selbst ver­öf­fent­licht und wie sich her­aus­stell­te, hat sie einen nicht gerin­gen Ein­fluss im Stadt­rat von Prüm. Ihret­we­gen etwa kün­det das Orts­ein­gangs­schild heu­te: Karo­lin­ger­stadt Prüm. Mei­ne Aus­ga­be von Prüm und die Karo­lin­ger liegt gera­de neben mir und ich habe sie mit viel Gewinn gele­sen. Sehr herz­lich wur­den wir von ihr ver­ab­schie­det. Ich den­ke gern an sie zurück.

Maria Dankestafeln in Prüm

Prüm Orgelempore

Nach der Kirche ein Eis

Aus der Kir­che her­aus­ge­tre­ten stan­den wir wie­der auf dem Vor­platz mit der Aus­gra­bung. Zwi­schen Bau­stel­len­git­ter­zäu­nen hin­durch lie­fen wir ein wenig berg­an zu einem Eis­ca­fé, das direkt gegen­über der Kir­che liegt. Wir genos­sen an die­sem war­men Som­mer­tag strah­len­den Son­nen­schein und bestell­ten uns Eis und Kaf­fee. Die Ein­drü­cke aus der St. Sal­va­tor-Basi­li­ka waren natür­lich noch sehr prä­sent und ich freu­te mich beson­ders dar­über, dass die bei­den ein­mal haut­nah mit­be­kom­men haben, wie viel der Lit­ur­gie­fuchs erlebt. Denn ich muss sagen, die Men­schen zu erle­ben, die die Orte der Lit­ur­gie prä­gen, ist mir eine min­des­tens genau­so gro­ße Freu­de.

So saßen wir auf der Ter­ras­se des Cafés und wur­den von der Bedie­nung gefragt, ob wir denn aus Rom kämen. Das ver­nein­ten wir wahr­heits­ge­mäß und wie­sen auch die Ver­mu­tung zurück, dass wir Pries­ter sei­en. Nach einer kur­zen Erklä­rung frag­te sie uns, ob wir denn einen Rosen­kranz für sie hät­ten, den wir ihr schen­ken könn­ten. In einem Eifel­städt­chen hat­te ich nicht mit einer sol­chen Fra­ge gerech­net. Den­noch war ich froh, dass ich ihr eine wun­der­tä­ti­ge Medail­le schen­ken konn­te, wor­über sie sich sehr freu­te. Und wir ver­spra­chen ihr unser für­bit­ten­des Gebet. Seit­her bin ich bes­ser vor­be­rei­tet.

Totale der Abtei Prüm

Pracht und Macht

Wenn ich heu­te, da ich dies schrei­be, an Prüm zurück­den­ke, bleibt mir neben den bei­den Damen vor allem das lee­re Chor­ge­stühl in Erin­ne­rung. Dass die Abtei heu­te das Regi­no-Gym­na­si­um beher­bergt, ist sicher die zweit­schöns­te Ver­wen­dung, die die mit­tel­al­ter­li­chen Hor­te der Gelehr­sam­keit in unse­rer Gegen­wart haben kön­nen. Ihre schöns­te Ver­wen­dung bleibt in der all­abend­li­chen Bit­te der Mön­che auf­ge­ho­ben: „Und meh­re unse­re Zahl.“ Gebe Gott, dass die Bit­te durch rei­che Beru­fun­gen erhört wer­de. Etwas schal bleibt mir aber auch der Spruch von Abt Cae­sa­ri­us, den ich am Stand der Kir­chen­füh­re­rin hör­te, im Kopf:

Die Fröm­mig­keit gebar den Reich­tum,
der Reich­tum zer­stör­te die Fröm­mig­keit;
und nach deren Zer­stö­rung schwand auch der Reich­tum.“

Ob Prüm aller­dings dar­an zugrun­de ging oder an den Men­schen, die mit drei Schlag­wor­ten mein­ten sich selbst heil machen zu kön­nen — Das kann ich nicht beur­tei­len. Es bleibt für mich als Fra­ge offen und unlös­bar im Raum ste­hen.

Totalaufnahme des Chorraums in Prüm

3 Gedanken zu „Prüm, eine Reichsabtei — Macht und Pracht eines Klosters&8220;

  1. Lie­ber Lit­ur­gie­fuchs,
    heu­te bin ich mal dei­ner Spur in die Eifel gefolgt, in die stol­ze Stadt Prüm.
    Und bin hier, anfangs noch eher neu­gie­rig-gespannt, ein­fach dei­nen Streif­zü­gen gefolgt in und durch die noch immer präch­ti­ge Basi­li­ka St. Sal­va­tor. Es freu­te mich sehr, wie du mit der rich­ti­gen Nase für die nahr­haf­tes­ten Geheim­nis­se – eine gna­den­rei­che Fuchs-Gabe – die­se Basi­li­ka erkun­det hast, so dass wir ande­ren in der Kir­che eigent­lich nur dir hin­ter­her schlei­chen brauch­ten, um uns eben­falls an die­sen zu laben.

    Was mich aber beson­ders erst ver­wun­der­te, dann selbst­ver­ständ­lich sehr froh­ge­mut stimm­te, mit welch schö­ner, kei­nes­falls über­la­den­der Sprach­ge­wand­heit du uns über so vie­le lit­ur­gi­sche Details die­ser Kir­che auf­klär­test. Obwohl vie­les auf Grund der Tat­sa­che, dass es dort so ist – wahr­haft; mys­te­ri­en­reich; im Sein alles sagend -, wie es ist, kaum noch Wor­te braucht. Du leg­test jedoch so viel Wär­me und Blu­mig­keit beim wört­li­chen Aus­ma­len der Kir­che, wie es vie­len Men­schen ver­wehrt ist. Als Fuchs, immer dem litu­gi­schen Geheim­nis eines Ortes auf der Fähr­te, wie du es ja als Zweck die­ses Blogs erläu­tert hast, hast du wahr­schein­lich einen ande­ren Zugang und Blick.

    Als wir dir in den Chor­raum folg­ten, rech­ne­te ich, so tief im Her­zen bewegt, auch in jedem Augen­blick mit dem Ein­zie­hen von Mön­chen durch die gro­ße Holz­tür sowie ein­set­zen­dem gesun­ge­nen Gebet: 

    Deus, in adju­to­ri­um meum inten­de. Domi­ne, ad adju­van­dum me fes­ti­na. 

    Dank auch, dass du kei­ne Furcht davor hat­test, sehr behut­sam und eher hei­lend die sen­si­ble­ren The­men bzgl. rech­ter, gott­lo­ben­der Aus­füh­rung der Lit­ur­gie in den Mau­ern die­ses Got­tes­hau­ses ins war­me Licht zu rücken. 

    Des­halb wur­de ich selbst von Kir­chen­raum zu Kir­chen­raum immer stil­ler, atem­los vor Freu­de, ja wort-los nur noch Schau­en wol­lend auf die, heu­te an die­sem Besuchs­tag eher ruhen­den, Zeug­nis­sen ver­gan­ge­ner wie auch aktu­ell geleb­ter Lit­ur­gie. Nun sehr ergrif­fen und stau­nend durf­te und darf ich mich in die vie­len Zei­chen der Bibel und leben­der Kir­che auch die­ses Got­tes­hau­ses ver­sen­ken, am bes­ten dir eben­falls wie­der zu und in die­ses Mys­te­ri­um fol­gend:
    Dem Gebet in der Ärz­te­ka­pel­le hin­ter den, alles Lau­te drau­ßen las­sen­den, Glas­tü­ren, vor dem Aller­hei­ligs­ten Herrn selbst. 

    Got­tes Segen für dich bei der Erkun­dung wei­te­rer Geheim­nis­se, auf die ich gespannt bin.

    (Des­halb mein ‚so frü­her‘ Bei­trag, bin noch zwi­schen in dei­nen Schil­de­run­gen über Han­no­vers Gar­ten­kir­che sit­zen geblie­ben. Solch einen Fried­hof, einen der angeb­lich ältes­ten öku­me­ni­schen Fried­hö­fe, so sagt man, haben wir hin­term Haus. Du kannst dir den­ken, wo ich auch viel Zeit ver­brin­ge :). )

    E. Jasie

    ps. Schmun­zeln muss­te ich ganz schön, wie du auf den dunk­len, schlich­ten Holz­tritt, der vom Hoch­al­tar, stiegst, den Dir wohl dei­ne Beglei­ter hin­ge­stellt haben müs­sen, damit du dei­ne Pfo­te in das Weih­was­ser­be­cken tau­chen konn­test. Und ich sah auch – pssssstttt, bit­te nicht wei­ter­sa­gen – wie sie das Bänk­chen vor dem Ver­las­sen des Hau­ses, im Turm­auf­gang ver­steck­ten, weil du mit ihnen fest­stell­test: Da vorn am Altar hin­dert es nur beim Zele­brie­ren.

    1. Lie­be Schwes­ter im Herrn,
      mit die­sem Kom­men­tar hast Du mir eine so uner­war­te­te Freu­de gemacht, dass ich immer noch ganz sprach­los und glück­lich bin. Vie­len vie­len lie­ben Dank!
      Dein Lit­ur­gie­fuchs
      Ps. Zum Holz­tritt kein Kom­men­tar. 😉

      1. Lie­ber Lit­ur­gie­fuchs,

        DANKE, denn es war nur der Spie­gel des­sen, wohin du uns geführt hast. Da man mit einem Mal gar nicht alles erfas­sen kann, bin ich dir die­ser Tage noch ein­mal durch die­se stol­ze Basi­li­ka St. Sal­va­tor gefolgt.
        Zum Schluß saß ich wie­der, noch ganz ergrif­fen von der lit­ur­gi­schen Fül­le, eine Wei­le still in der Kir­chen­bank. Aber auch, weil dein Besuch in Prüm mit einer leicht scha­len Erin­ne­rung ende­te, kam mir plötz­lich die sehr leben­di­ge Erin­ne­rung an einen lie­ben Ver­wand­ten. Er ist in die­sen Janu­ar­ta­gen vor 21 Jah­ren ganz bestimmt in Got­tes Herr­lich­keit ein­ge­gan­gen. Die­ser Ver­wand­te nahm mich eben­falls an ver­schie­de­nen Wochen­en­den, in den Som­mer- oder Win­ter­fe­ri­en als jun­ger Mensch mit, einem dir vllt. nach mei­nem Berich­ten sym­pa­thi­schen ande­ren Fuchs zu fol­gen. Lan­ge habe ich nicht mehr an unse­re gemein­sa­men Streif­zü­ge gedacht, auch mal zu dritt oder viert, wer gera­de so zu Besuch war. Da sie aus etwas ande­rer Per­spek­ti­ve den Blick auf eini­ge lit­ur­gi­sche Beson­der­hei­ten einer Kir­che noch ein­mal inten­si­vie­ren, möch­te ich dar­über erzäh­len.

        Zuvor ver­sorg­ten wir Hand in Hand, da der Ver­wand­te mit sei­ner lie­ben Frau sehr länd­lich wohn­te, meist wort­los die ver­schie­de­nen Haus­tie­re. Dar­in schul­te er mich sogar so gut mit der Zeit, dass ich die Tie­re auch mal für ein oder zwei Wochen ganz allein ver­sor­gen durf­te, wenn er auf Rei­sen war: Die Kanin­chen und Hüh­ner, eini­ge Scha­fe sowie den Kater Leo. Und auch unse­re „Unter­hal­tun­gen“ waren eher wort­karg, erfolg­ten am ehes­ten über Bli­cke und Ges­ten, auch Necke­rei­en, über aus­ge­tausch­te Bücher oder lan­ge Brie­fe, wenn wir uns fern waren. Sie waren trotz­dem von unend­li­cher Wär­me und Tie­fe. Er war wohl der mich am tiefs­ten prä­gen­de Mensch auf mei­nem Weg zu Gott und ist es bis heu­te.

        Doch ich woll­te ja von dem Fuchs erzäh­len, dem wir bei jedem mei­ner Besu­che min­des­tens ein­mal folg­ten. Auf die­sen Streif­zü­gen gab es sehr viel Schö­nes, in sei­ner stän­di­gen Ver­än­de­rung trotz­dem Blei­ben­des zu ent­de­cken, ganz wie du es erfährst, wenn du wie­der Mal einem neu­en lit­ur­gi­schen Klein­od auf der Spur bist. Die­ser Fuchs führ­te uns, ich for­mu­lie­re das mal so als Ver­gleich, in so wir­ken­de Ur-Räu­me der Lit­ur­gie ein, die jedoch zu ähn­li­cher Freu­de, Ergrif­fen­heit, andäch­ti­ger Stil­le füh­ren, wie die sich lit­ur­gisch stei­gern­den Räu­me auf den Höchs­ten hin in einer Kir­che.
        Man­ches Mal führ­te uns unser Streif­zug durch die­se stets fei­er­lich wir­ken­den Räu­me in, wie gro­ße, roma­ni­sche Kir­chen­hal­len anmu­ten­de, Räu­me eines hohen Buchen­wal­des mit sei­nen sil­bern ange­leg­ten, star­ken, säu­len­ar­ti­gen, schmuck­lo­sen Stäm­men und dem fast geschlos­se­nen, wie eine hohe Ebe­ne wir­ken­den dich­ten homo­ge­nen Blät­ter­dach dar­über. Durch die Höhe und wei­ten Abstän­de der Stäm­me wirk­te die­ser Raum trotz­dem mäch­tig und weit auf mich. Und in die­sem umfing mich auch eine ers­te Ahnung von der beson­de­ren Bedeu­tung des Weih­rauchs zur Unter­stüt­zung des auf­stei­gen­den Gebets. Denn mit jedem Betre­ten die­ser „Hei­li­ge Hal­len“ in die­sem Land­strich genann­ten Buchen­wäl­der umfing mich der star­ke, den gan­zen Raum erfül­len­de, Duft sei­nes Laubs, das den Boden eben­falls wie eine ebe­ne Flä­che gleich­mä­ßig bedeck­te. Das die Lands­leu­te die­se Wäl­der „Hei­li­ge Hal­len“ nen­nen, zeugt von einer ehe­mals sehr regen Kir­chen­ge­schich­te, wovon die vie­len uralten Kir­chen oder deren Rui­nen in annä­hernd jedem noch so klei­nen Fle­cken der Umge­bung noch heu­te kün­den.
        Ande­re Male führ­te uns der Fuchs aber auch in gotisch-sakral wir­ken­de Hal­len, die der lich­ten, wei­ten Kie­fern­wäl­der: Alle Säu­len waren unter­schied­lich fili­gran gewirkt, das Dach die­ser Hal­len war noch höher, die Säu­len­ka­pi­tel­le fein zise­liert, geschmückt von aller­lei Geränk und klei­nem Getier. Und der Boden, die Aus­stat­tung? Hier gab es aller­or­ten etwas zu schau­en, klei­ne Win­kel, Ver­zie­run­gen, zumeist zart oder in kräf­ti­gen Far­ben ange­malt, stil­le Plät­ze zur Beschau­ung Got­tes Schöp­fung und zum Ver­wei­len im kur­zen Gebet. Die­se Hal­len waren so weit, dass sie oft, fast schö­ner als bei Kir­chen­fens­tern (ver­zeih, lie­ber Lit­ur­gie­fuchs), den Blick in immer wie­der neue Him­mels­spie­le eröff­ne­ten, bunt oder schlicht weiß je nach Jah­res­zeit und Son­nen­ein­fall. Es konn­te einem schwind­lig wer­den in der Freu­de des Hin­auf­schau­ens.

        Manch­mal führ­te uns die­ser Fuchs aber auch in Räu­me, die wirk­ten, als wenn man eine ver­steck­te Kapel­le oder Altar­ni­sche in eine Kir­che ent­deckt: klei­ne, eben noch gar nicht ver­mu­te­te Lich­tun­gen, grün-gelb-leuch­tend ange­legt in den Far­ben, einen Platz zum Inne­hal­ten beher­ber­gend, von schüt­zen­den Wän­den vor zu viel Unru­he umge­ben. Manch­mal ver­irr­te sich hier aller­dings jemand, dann erschro­cken wie­der von dan­nen zie­hend: Ein Reh oder Muff­lon, ver­schie­de­ne Vögel, viel­leicht, im Som­mer auch mal eine Eidech­se oder Blind­schlei­che.

        Am stärks­ten in Erin­ne­rung ist mir jedoch ein Erleb­nis, da es mich damals in die glei­che Stim­mung ver­setz­te, wie du sie heu­te beschrie­ben hast beim Ein­tritt in die Ärz­te­ka­pel­le zur Anbe­tung: die mich noch in der Erin­ne­rung so ergrei­fend umfängt. Der Fuchs strich schon früh am Mor­gen ums Haus, als woll­te er uns gera­de heu­te zu einem beson­de­ren Ereig­nis abho­len. Es war noch dämm­rig, leich­ter Nebel über dem Dorf. Je mehr wir uns jedoch, ihm fol­gend, dem See hin­ter dem Wald näher­ten, wur­de der Nebel immer dich­ter. Es waren kei­ne geist­lo­sen Streif­zü­ge, auf die er uns mit­nahm, immer muss­te man auf das Höchs­te gefasst sein. Nun, fast unten am See, war der Nebel plötz­lich so dicht, dass wir kei­ne drei Meter weit schau­en konn­ten, als hät­te sich eine star­ke Tür geschlos­sen, die zugleich den uns umhül­len­den Raum ganz still mach­te. Uns blieb nur eins: Hin­set­zen, abwar­ten. Heu­te hole ich in Erin­ne­rung das Gebet (für mei­nen Ver­wand­ten) nach, zu dem mir wohl damals noch die Wor­te fehl­ten. Allein das Gefühl, hier ganz dicht von Gott umfan­gen zu sein, trägt mich bis heu­te.

        Und was soll ich sagen, wie es dir wohl auch heu­te ergeht nach einer rei­ni­gen­den Zeit tie­fer Ver­sen­kung in der Anbe­tung, der Nebel hob sich und ließ Gott in sei­ner schöns­ten Herr­lich­keit im strah­lend blau­em Him­mel über uns sein.

        Dei­ne E. Jasie

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