Die Ruhe nach dem Sturm — Weihnachten 2017

An Hei­lig­abend gehe ich nicht ger­ne in die Kir­che. Ich weiß nicht, ob man das sagen darf. Aber es ist so. Für mich hat es nichts mit der weit­hin ange­mahn­ten Kom­mer­zia­li­sie­rung des Weih­nachts­fes­tes zu tun. Denn im Gegen­teil erle­be ich bei vie­len Men­schen, dass für sie in die­sem kom­mer­zia­li­sier­ten Weih­nach­ten Tra­di­ti­on bewahrt wird. Man weiß eben etwa, dass irgend­wann im Novem­ber der Weih­nachts­markt anfängt. Dann gibt es noch­mal einen Sonn­tag lang Ruhe. Nie­mand weiß mehr so genau war­um, manch­mal hört man noch ein Rau­nen von Toten- oder Ewig­keits­sonn­tag.

Leuchtreklame mit Weihnachtsbaum — Weihnachten 2017

Aber danach geht es in einem Rutsch auf Weih­nach­ten zu. Dass man sich auf den Märk­ten trifft, Glüh­wein trinkt und mit lie­ben Men­schen zusam­men ist, ist für vie­le schon zu einer eige­nen Tra­di­ti­on gewor­den. Wahr­schein­lich hat die­se Tra­di­ti­on sogar mehr Gewicht für das eige­ne Leben als die kirch­li­che. Und viel­leicht ist es ver­we­gen, aber die ver­zwei­fel­te Suche nach Geschen­ken hat sicher auch ver­gleich­ba­re Momen­te mit der Suche des Hei­li­gen Joseph nach Unter­kunft für sei­ne wer­den­de Fami­lie.

Zerplatzte Kugel — Weihnachten 2017

Das Krippenspiel — Die Liturgie des Heiligabends

Nein, dass ich an Hei­lig­abend nicht ger­ne in die Kir­che gehe, hängt auch nicht an den Krip­pen­spie­len, die man über­all erle­ben kann. Wobei ich nicht sel­ten ver­wirr­ter aus der Kir­che her­aus­ge­kom­men bin, als ich beim hin­ein­ge­hen noch war. Im Ange­bot ist oft der Klas­si­ker: Dar­stel­lun­gen mit ver­schlis­se­nen Bett­la­ken und esels­oh­ri­gem Ste­cken­pferd. Bei die­sem Krip­pen­spiel wer­den ger­ne so nütz­li­che Rol­len wie „Ich war der Baum.“ ver­teilt.

Engel am Christbaum hängend — Weihnachten 2017

Dann gibt es für die Gene­ra­ti­on der „Digi­tal Nati­ves“ hip­pe Adap­tio­nen der Geschich­te in die Gegen­wart. Da funk­tio­niert dann die tri­va­go – App nicht, der Akku ist leer und die Power­bank ver­ges­sen; oder (für die etwas Kon­ser­va­ti­ven) das Auto hat einen Plat­ten. Manch­mal gibt es für das anspruchs­vol­le Publi­kum von ges­tern auch rich­tig durch­ge­style­te Dar­stel­lun­gen. Die haben dann gern gar nichts mehr mit dem Plot aus dem Evan­ge­li­um zu tun, son­dern „soll’n mehr so die Messa­ge ‚rüber­brin­gen.“ Ein Mit­bru­der sag­te mir mal: „Man könn­te den­ken, unser Herr sei vor 2000 Jah­ren auf die Erde gekom­men, damit wir heu­te all­jähr­lich Krip­pen­spie­le auf­füh­ren kön­nen.“

Christbaumschmuck am Boden — Weihnachten 2017

Die Bescherung an Heiligabend — Liturgie des Privaten

Man kann die christ­li­chen Hoch­fes­te auch dar­über defi­nie­ren, dass es die Fes­te sind, die noch am meis­ten Ein­fluss auf das Pri­vat­le­ben der Gläu­bi­gen haben. An Weih­nach­ten ist es die Besche­rung und das fami­liä­re Bei­sam­men­sein. Das Oster­fest lässt die Kin­der in den Gär­ten nach Chris­tus suchen. Da hat­te die Lit­ur­gie der Kir­che, also die Fei­er der Hei­li­gen Geheim­nis­se, so star­ken Ein­fluss auf die Men­schen, dass sie eige­ne For­men gefun­den haben, an denen sie fest­hal­ten. Und ver­mut­lich sind Kasua­li­en (Tau­fe, Hoch­zeit, Erstkommunion/Firmung/Konfirmation usf.) mit der Defi­ni­ti­on, die ich vor­ge­schla­gen habe, in der Wahr­neh­mung der Gläu­bi­gen längst zu Hoch­fes­ten gewor­den.

Kugel am Christbaum — Weihnachten 2017

Jede Men­ge Erwar­tungs­hal­tun­gen wer­den an die kirch­li­chen Fes­te gestellt: wenn zum Bei­spiel in der Christ­ves­per nicht Stil­le Nacht gesun­gen wird, dann ist der Ärger vor­pro­gram­miert… Aber auch im pri­va­ten schwin­gen sol­che Erwar­tun­gen oft unbe­wusst mit. Hier wie dort hängt von ihnen schließ­lich das Gelin­gen der Fei­er ab: wenn nicht Tan­te Til­ly zwi­schen dem def­ti­gen Bra­ten und der süßen Nuss­tor­te ein­schläft, dann… Oder, wie Lori­ot uns lehr­te, wenn nicht genü­gend Lamet­ta am Baum hängt… Und sobald dann die Fami­lie nach der Fei­er gegan­gen oder auf den Zim­mern ver­schwun­den ist und die Eltern erschöpft auf dem Sofa ein­sa­cken, dann „haben wir’s wie­der­mal geschafft.“ (So man­cher Dia­kon kennt dies‘ Gefühl nach der Oster­nacht und dem anspruchs­vol­len Gesang des Exsul­tet.)

Der Limpericher Dom — Weihnachten 2017

Eine Kirche nach Weihnachten

War­um ich nicht ger­ne an Hei­lig­abend in die Kir­che gehe, lässt sich schwer in Wor­te klei­den. Aber jeder ver­steht es, der an den Weih­nachts­ta­gen zwi­schen den Fei­er­lich­kei­ten in eine Kir­che geht. Ich war die­ses Jahr in der Hei­lig-Kreuz-Kir­che in Lim­pe­rich. Und ich hat­te Glück, dass die Kir­che offen war. Scha­de, dass unse­re Kir­chen nicht mehr durch­ge­hend geöff­net sind. Die sehr freund­li­che Mes­ne­rin saß, wohl auf jeman­den war­tend, auf einer Kir­chen­bank und ließ mir eini­ge Momen­te des Gebe­tes und der Ruhe.

Dachstreben in Heilig Kreuz Limperich — Weihnachten 2017

Der „Lim­pe­ri­cher Dom“, wie die Kir­che aus den 1960er Jah­ren im Volks­mund heißt, hat einen eher wuch­ti­gen Charme. „Viel Stein — wenig Fens­ter“, könn­te man viel­leicht sagen. Und doch ist die Krip­pe, die sich an der Epis­tel­sei­te neben dem Chor­raum ver­steckt, von aus­neh­men­der Schön­heit. Die fili­gra­nen Holz­fi­gu­ren tra­gen Klei­der aus ech­tem Stoff und ste­hen in kras­sem Gegen­satz zur Archi­tek­tur die­ses Kirch­raums.

Krippe in Totale — Weihnachten 2017

Hirten Krippe in Heilig Kreuz — Weihnachten 2017

Eine Krippe nach Weihnachten

Die Zusam­men­stel­lung der Figu­ren ließ mich das Geheim­nis des Weih­nachts­fes­tes in die­ser stil­len und etwas dus­te­ren Kir­che schau­en. Dass da ein Kind gebo­ren wur­de, das dem mensch­li­chen Auge nach nur ein Kind sein kann; und doch so viel mehr gewe­sen ist. Dass da in aller Armut des Ortes die strah­len­de Hei­lig­keit Got­tes unschein­bar zur Welt kam. Dass da Maria, kaum älter als ein Mäd­chen und so arm, dass sie dem jun­gen Chris­tus nur die Lie­be einer Mut­ter schen­ken konn­te, die Mut­ter Got­tes wer­den durf­te. All die­se Gedan­ken spran­gen in mir hin und her.

Detailaufnahme Engel — Weihnachten 2017

Bald 2000 Jah­re ist die Kir­che alt. Wenn die Tra­di­ti­on recht hat, wird sie irgend­wann in den 2030ern ihr Jubi­lä­um fei­ern dür­fen. Und all die­se uner­mess­lich lan­ge Zeit hat in die­sem geheim­nis­vol­len Moment ihren Anfang genom­men. Mit dem ers­ten Schrei des Christ­kin­des und dem Glück der jun­gen Mut­ter, die ihr Kind zum ers­ten Mal in den Armen hielt. Gott ist die Lie­be. Davon erzählt die­se Nacht.

Hirte Detailaufnahme der Krippe — Weihnachten 2017

Die Hir­ten kamen vom Fel­de her­bei­ge­lau­fen und stan­den stil­le stau­nend vor der Hei­li­gen Fami­lie. Im Grun­de war ich selbst unver­se­hens zum Hir­ten gewor­den und stand dort wie die Holz­fi­gu­ren als ein Teil der Krip­pe — 2000 Jah­re spä­ter noch immer über das­sel­be Geheim­nis stau­nend.

Krippe Heilig Kreuz Limperich — Weihnachten 2017

Kom­met Ihr Hir­ten, ihr Män­ner und Frau’n
kom­met das lieb­li­che Kind­lein zu schau’n!
Chris­tus, der Herr, ist heu­te gebo­ren,
den Gott zum Hei­land Euch hat erko­ren.
Fürch­tet Euch nicht!“

Strohstern am Christbaum — Weihnachten 2017

Fro­he Weih­nach­ten! das wünscht Euch
Euer Lit­ur­gie­fuchs