Grabstein mit Aufschrift: Die Liebe höret niemals auf. — Tradition — Blogger

Tradition — Ein Spaziergang mit dem Liturgiefuchs

Tra­di­ti­on ist das, was den Mensch zum Men­schen macht. Ich muss­te schmun­zeln, als ich gewahr wur­de, dass ich die­sen Gedan­ke bei mei­nem Spa­zier­gang über einen der ältes­ten Bon­ner Fried­hö­fe hat­te. Nun bin ich kein Gruf­ti. Unter Gothic ver­ste­he ich ent­we­der eine Com­pu­ter­spiel­rei­he oder eine kunst­his­to­ri­sche Epo­che. Ker­zen sehe ich als Chris­tus­lich­ter in der Kir­che bren­nen. Nur das mit der schwar­zen Klei­dung trifft auf mich zu. Die Ver­wechs­lungs­ge­fahr hal­te ich aber für eher gering. Wie dem auch sei, ich spa­zie­re gern über Fried­hö­fe. Und seit mei­nem Arbeits­welt­prak­ti­kum bei einem Bestat­ter habe ich ver­mut­lich weni­ger Berüh­rungs­ängs­te mit dem Tod als gemein­hin üblich. Beglei­tet mich doch ein Stück durch die­sen Hain der Ruhe.

Gittertor zum Bergfriedhof — Tradition

Kuhgasse — Tradition

Der Alte Kessenicher Friedhof

Es ist eine schö­ne Tra­di­ti­on, dass Fried­hö­fe meist uri­ge Park­an­la­gen sind. Das Grün der Pflan­zen und die Pracht ihrer Blü­ten kon­tras­tie­ren die Trau­er des Ortes hoff­nungs­voll. Bei mei­nem Spa­zier­gang ging es durch das Git­ter­tor die Kuh­gas­se hin­auf. Ich stand dort an den ers­ten Grab­stei­nen und staun­te nicht schlecht. Denn die ältes­ten Grab­stei­ne, die ich fand, waren vom Anfang des 18. Jahr­hun­derts. Seit drei Jahr­hun­der­ten erzäh­len sie stumm vom Leben. Dass da mal eine jun­ge Frau gelebt hat, Sabi­na getauft und im Alter von 37 Jah­ren zu früh ver­stor­ben ist. Wer war Sabi­na? Habe ich die lan­ge schon ver­wit­ter­te Inschrift über­haupt rich­tig ent­zif­fert? Das Grab­kreuz hat ihre Erin­ne­rung bewahrt.

Grabmal — Tradition

Farbenpracht Laub — Tradition

Vor drei Jahrhunderten

Vor drei Jahr­hun­der­ten ließ das Son­nen­licht das Laub der Bäu­me genau­so leuch­ten wie heu­te. Der Frie­den, den die­ser Ort aus­zu­strah­len scheint, hat die Trä­nen vie­ler Fami­li­en gese­hen. Sabi­nas Fami­lie war eine von ihnen. Viel­leicht 120 Häu­ser bil­de­ten damals das klei­ne Dorf Kes­se­nich. Vor allem von Fel­dern war es umge­ben, man bau­te Wein an und es erstreck­te sich so ziem­lich ent­lang einer Stra­ße. Eine Bau­ern­wirt­schaft stand in sei­ner Mit­te, die bekannt dafür war, dass man in ihr guten Wein und ein kräf­ti­ges Stück Brot erste­hen konn­te. Sogar der berühm­te Dich­ter Hoff­mann von Fal­lers­le­ben berich­tet 1820 von ihr. Sabi­na wird sie auch schon gekannt haben. Jedes Dorf braucht so eine Wirt­schaft. Die Men­schen stan­den mor­gens auf. Sie arbei­te­ten, um zu leben. Und abends gin­gen sie zu Bett. Die Kirch­glo­cken läu­te­ten an den hohen und nie­de­ren Fest­ta­gen und auch an denen, die dazwi­schen lagen.

Kreuz 300 Jahre alt — Tradition

Ein Ort der Tradition wird geboren

Zu die­ser Zeit hat­te Kes­se­nich ein klei­nes Klos­ter, von dem die ältes­ten Grab­stei­ne zeu­gen. Ursprüng­lich war der Fried­hof für die heim­ge­ru­fe­nen Ordens­leu­te gedacht. Geöff­net wur­de er erst spä­ter zunächst für die Wohl­tä­ter des Klos­ters, dann für alle Bewoh­ner Kes­se­nichs. Die klei­ne Pfarr­kir­che stand am Ran­de des Fried­hofs und wur­de nach und nach erwei­tert. Der Natur­stein wur­de ver­putzt, sodass man ihr ehr­wür­di­ges Alter heu­te nicht mehr sieht. Sie kam mir vor wie ein jun­ges Mäd­chen, das unbe­hol­fen sich schminkt, und am Ende nur aus­sieht wie bemalt. Viel zu dick hat man ihr das Make-up auf­ge­nö­tigt. Das geschah zur Zeit mei­ner Groß­el­tern, als die eige­ne Geschich­te nicht mehr zu ertra­gen war. Alles Alte galt es zu ver­de­cken. An allem haf­te­te ihnen der abge­stan­de­ne Geruch der Gruft. Also ver­leug­ne­ten sie das Alte und schu­fen das Neue. Und das Neue alter­te — solan­ge bis es zuletzt älter gewor­den als das Alte.

Alt St.-Nikolaus — Pfarrkirche

Die Kirche als Friedhofskapelle

Und doch ist unter der Schicht des Put­zes die Struk­tur des Natur­steins zu erken­nen. Genau­so ist der klei­ne ein­schif­fi­ge Bau zu erken­nen, der bereits im 18. Jahr­hun­dert erwei­tert wur­de. Als ich dort stand, kam eine klei­ne Grup­pe vor­bei, die an einer Stadt­füh­rung teil­nahm. Ich lausch­te den Wor­ten und hör­te eine klei­ne Anek­do­te über das Erleb­nis eines Mäd­chens in der Kir­che. Die Kin­der müs­sen damals furcht­ba­re Angst gehabt haben, die­se Kir­che zu betre­ten. Den Kirch­raum hat­te man durch einen schwe­ren dunk­len Vor­hang zwei­ge­teilt: Ein Teil Kirch­raum, ein Teil Lei­chen­hal­le. Hin­ter dem Vor­hang harr­ten die Lei­chen ihrer Beer­di­gung. Die Grup­pe der Geführ­ten war ent­setzt: wie grau­sam klei­nen Kin­dern so etwas abzu­ver­lan­gen!

Holzbrett Grab

Was man der Stadt­füh­rung aber ver­schwieg, war, dass zu die­ser Zeit die Kir­che nur noch als Fried­hofs­ka­pel­le gebraucht wur­de. Die neue Pfarr­kir­che stand in der Tal­s­en­ke. Anders als heu­te emp­fand man den Tod noch eher als Teil des Lebens. Men­schen star­ben zuhau­se im Kreis der gan­zen Fami­lie und nicht in ste­ri­len Kran­ken­häu­sern, Alten­hei­men, Hos­pi­zen. Und zuge­ge­ben: auch heu­te noch fin­det man Lei­chen über­durch­schnitt­lich oft in Fried­hofs­ka­pel­len.

Portal Alt St. Nikolaus Kessenich — Tradition

Alt St. Nikolaus — Ort der Tradition

Als ich merk­te, dass die Geführ­ten im Dun­kel der Geschich­ten des Füh­rers belas­sen wer­den soll­ten, ver­lor ich mein Inter­es­se an der Grup­pe. Es ging ihm dar­um sei­ne eige­nen Legen­den zu pfle­gen. Ich war sogar froh, dass das rote Por­tal von Alt St. Niko­laus ver­schlos­sen war und blieb für so viel ten­den­ziö­se Dar­stel­lung. Wenn­gleich das bedeu­te­te, dass ich selbst an die­sem Tage die Kapel­le auch nicht betre­ten konn­te.

Mauer Friedhof — Tradition

Fensterladen Alt St.Nikolaus — Tradition

Das Problem von Stadtführungen

Als die Grup­pe wei­ter­zog, blieb ich noch einen Moment unzu­frie­den vor der klei­nen Kir­che ste­hen und schau­te ihnen heim­lich nach. An der Kirch­wand empor schau­te ich auf die Holz­lat­ten des Fens­ters und ver­such­te mich in die Situa­ti­on des Füh­rers zu ver­set­zen. Ver­mut­lich hat er mal eine his­to­ri­sche Dis­zi­plin stu­diert, viel­leicht Kunst­his­to­rie — natür­lich wäre auch Theo­lo­gie denk­bar. Bei sol­chen Füh­run­gen geht es aber um Geschich­ten, nicht um die Geschich­te. Die Men­schen, die ein sol­ches Erleb­nis buchen, wol­len unter­hal­ten wer­den. Und je bes­ser der Füh­rer unter­hält, umso häu­fi­ger wird er gebucht.

Grab eines Rheinschiffahrtsdirectors mit Franziskushospital im Hintergrund — Tradition

Weg über den Friedhof — Tradition

Was man so alles alt nennt…

Auf einem ande­ren Weg als die Grup­pe lief ich von der klei­nen Kir­che wei­ter. In mir trug ich die Vor­freu­de, hier dem­nächst die alte Mes­se zu besu­chen. Wir sagen heu­te die alte Mes­se, als wäre sie schon abge­stan­den oder jen­seits des Ver­falls­da­tums. Die alte, tri­den­ti­ni­sche, vor­kon­zi­li­a­re Mes­se, die außer­or­dent­li­che Form — noch und nöcher gibt es Bezeich­nun­gen für die Mess­form der römi­schen Kir­che, die vor dem gro­ßen Reform­kon­zil Mit­te der 1960er Jah­re das Ant­litz des Rom­ka­tho­li­zis­mus geprägt hat. Eine lie­be Schwes­ter von mir sagt ger­ne: „Ich gehe zur außer­or­dent­li­chen Form der Mes­se, gehö­re aber zu einer Gemein­de mit unor­dent­li­cher Form.“

Kreuz auf Altem Kessenicher Friedhof — Tradition

Tradition ist Ausdruck des Lebens

Was mich an der Mess­form in Alt St.-Nikolaus fas­zi­niert, ist, dass Sabi­na vor drei Jahr­hun­der­ten genau die­se Mes­se erlebt hat. Zur Kir­che zu gehen, hieß für sie, die­se Mes­se zu erle­ben. Sie sah das, was wir heu­te sehen kön­nen. Emp­fing den Segen, den die Men­schen heu­te noch emp­fan­gen.

Steinstufen — Tradition

Verfallenes Friedhofsgrab — Tradition

Das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht.

Zu mei­ner lin­ken tauch­te mit einem mal ein völ­lig ver­fal­le­nes Grab auf, das mei­ne Auf­merk­sam­keit ein­for­der­te. Das Kreuz mit Moos bewach­sen, klei­ne Ecken abge­split­tert, lag es neben dem Podest. Auf­recht hat man es dort ange­lehnt. Die Stei­ne, mit denen das Grab einst ein­ge­fasst war, waren auf­ge­schwemmt wor­den. Viel war nicht mehr zu erken­nen und doch dach­te ich sofort an: „stat crux dum vol­vi­tur orbis.“

O crux ave spes unica

Ein Gedanke zu „Tradition — Ein Spaziergang mit dem Liturgiefuchs

  1. Hal­lo und vie­len Dank für den inter­es­san­ten Arti­kel. Dass sind tol­le Impres­sio­nen vom Hand­werk. Ich bewun­de­re den Stein­metz , wie er sol­che Kunst­wer­ke erschaf­fen kann.

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